Leseprobe aus Minna, grüne Minna

 
Minna ärgert sich

Minna hatte es satt. Seit gestern Abend regnete es ununterbrochen und sie konnte nicht nach draußen gehen, um mit den anderen Kindern zu spielen.

Minna wohnte in einer eintönigen Wohnsiedlung einer Großstadt. Die Häuser sahen aus wie ein Haufen unzähliger Kästen, die jeweils vier Stockwerke hoch waren. Um die Siedlung herum führten ein paar Straßen, die in Höfen mit Garagen endeten. Zwischen den einzelnen Wohnkästen befanden sich lieblos angelegte Grünflächen, die von Fußwegen durchkreuzt wurden. Hier und da standen sogar Klettergerüste für die Kinder und Sitzbänke, so dass man seine Zeit draußen mit den anderen verbringen konnte.

Aber jetzt war nichts los, denn es regnete und außerdem waren Sommerferien und viele Kinder waren verreist. Minna wäre auch gerne weggefahren, aber Mama und Papa mussten arbeiten.

Mama hatte gerade eine neue Stelle angetreten, so dass sie sich nicht gleich wieder frei nehmen konnte. Sie ging jeden Abend zum Aufräumen und Putzen in ein Café im Stadtzentrum. Weil Mama für eine größere Reinigungsfirma arbeitete, bekam sie ab und zu noch zusätzliche Arbeiten. Sie machte dann irgendwelche Büros sauber. Mama sagte, sie sei sehr froh darüber. Minna wusste nicht, warum Mama froh darüber war, bei anderen aufzuräumen, denn schließlich war Aufräumen eine schreckliche Angelegenheit. Andererseits brachte Mama manchmal etwas Kuchen aus dem Café mit, den die Verkäuferinnen nicht verkauft hatten. Das war natürlich toll, denn der Kuchen schmeckte Minna, Mama und Papa immer sehr gut. Wahrscheinlich war Mama deswegen froh, dachte Minna.

Minna hatte Mama sogar einmal gefragt, warum sie, also Mama, nicht auch froh darüber wäre, mal Minnas Zimmer aufzuräumen, aber Mama hatte nur gelacht und gesagt, dass Minna ihr Zimmer selber aufräumen müsse. Erstens würde Minna dann immer wissen, wo etwas zu finden sei und zweitens könne man in einem aufgeräumten Zimmer besser spielen, wenn Minna mal andere Kinder mit nach Hause bringen wollte. Das leuchtete Minna dann schließlich doch ein. Sie räumte ihr Zimmer immer selber auf – aber nur, wenn Mama es ihr sagte, denn Aufräumen war und blieb einfach eine schreckliche Angelegenheit; es sei denn, man verdient dabei Kuchen, dachte Minna. Aber Kuchen konnte man beim Aufräumen von Minnas Zimmer nicht verdienen. Also, dachte sie, musste es wohl tatsächlich am Kuchen liegen, dass Mama froh darüber war, woanders aufzuräumen.

Papa arbeitete in einem großen Betrieb, meistens im Lager, wo er immer mit dem Gabelstapler fahren durfte. Minna fand das toll. Manchmal rannte er auch nur ganz geschäftig mit Formularen und einem Stift in der Hand durch das Lager und kontrollierte alles. Oder vielleicht suchte er ja auch etwas. Zwischendurch telefonierte er dann immer. Im Moment hatte die Firma einen Großauftrag, so dass alle Mitarbeiter Überstunden machen mussten und da durfte Papa natürlich nicht Urlaub nehmen. Das fand Minna nicht so toll.

Nun saß Minna also in ihrem Zimmer und starrte auf die Fensterscheibe, an der dicke Regentropfen herunter liefen. Was konnte man nur an so einem Tag anfangen? Gelangweilt drehte sie an einer Strähne ihrer Haare. Weil Minna ihr braunes Haar recht kurz trug, stand ihr nach kurzer Zeit ein Haarbüschel wie eine Kurbel vom Kopf ab. Mann, ist das blöd heute, dachte sie. Und weil sie gerade schon mal so eine schlechte Laune hatte, dachte sie über andere Dinge nach, über die sie sich immer ärgerte.

Zum Beispiel die Sache mit ihrem Namen: Minna. Immer wenn sie nach ihrem Namen gefragt wurde, brachen die anderen in großes Gelächter aus, wenn sie ihn nannte. «Wer hat dich denn zur Minna gemacht?!» kam dann ständig dieselbe Frage, und Minna ärgerte sich noch mehr darüber.

Papa hatte ihr einmal erzählt, dass Minna schon vor über hundert Jahren der Spitzname für Wilhelmine war und dass der Name damals recht häufig vorkam. Toll, dachte Minna, jetzt renne ich hier mit einem Namen rum, der vor über hundert Jahren einmal Mode war – wenigstens heiße ich nicht auch noch Wilhelmine. Aber Papa sagte, sie solle sich mal nicht beschweren, denn Mamas Name, nämlich Miriam, und Papas Name, nämlich Daniel, wären sogar schon in der Bibel Mode gewesen, und die Bibel wurde schließlich schon vor ein paar tausend Jahren geschrieben! Da musste Minna selber lachen, und seitdem fand sie es etwas weniger schlimm, wenn sich andere über ihren Namen lustig machten. Aber trotzdem.

Natürlich hatte sie ihren Eltern auch die Frage gestellt, die Minna selber ständig zu hören bekam.

«Ja, wer hat mich denn nun eigentlich zur Minna gemacht?» wollte sie eines Tages wissen.

Mama bekam plötzlich ein ganz fröhliches Gesicht und meinte, dass Minnas Uropa, Opa Sauerländer, das war. Als Minna nämlich vor acht Jahren geboren wurde, lebte der Opa noch und besuchte Mama und das Baby in der Klinik. Papa und Mama hatten sich bis dahin immer noch nicht über einen Namen für das Baby einigen können, schließlich sollte es etwas ganz Besonderes sein.

Opa Sauerländer war immer sehr lustig und das erste, was er sagte, als er das Baby ansah, war: «Na so was, die sieht ja aus wie meine Großtante Minna! Hallo Minna, schön dass du da bist!»

Zuerst hatten Mama und Papa gedacht, dass Opa Sauerländer etwas wirr im Kopf geworden sein müsse, denn er war schon sehr alt. Aber dann erklärte der Opa, was er meinte.

«Ja meine Großtante Minna, also die Tante Wilhelmine, die war noch irgendwann im 19. Jahrhundert geboren worden. Sie war schon uralt, als ich noch klein war. Sie ist über hundert Jahre alt geworden und sie hatte auch keine Haare und keine Zähne, genauso wie euer Baby da! Wenn ich euch einen Rat geben darf, dann nennt das Kind Minna!»

Mama war über die Äußerung mit den Haaren und Zähnen ziemlich beleidigt gewesen, weil sie fand, dass ihr Baby schließlich das schönste auf der Welt war – das denken nämlich immer alle Mamas, ist ja auch richtig so. Papa hatte sich geräuspert und vor sich hingebrummelt, dass das ja wohl kein Grund sei, das Baby gleich Minna zu nennen. Aber dann hatte Opa Sauerländer gesagt, dass er das ernst meine, das Kind so zu nennen. Er habe nämlich tatsächlich sofort an seine Tante Minna gedacht, weil das Baby dieselben fröhlichen Augen wie seine Großtante habe.

«Tante Minna war einfach eine tolle Frau. Sie hat immer das Beste aus allem gemacht und das meistens noch mit einem fröhlichen Lachen im Gesicht. Sie hat einem nie was vorgespielt» hatte der Opa damals erklärt.

Ja, und das war dann schließlich der Grund, warum Minna nun tatsächlich Minna hieß, nämlich wegen der Großtante Wilhelmine von Uropa Sauerländer, denn die hatte so fröhliche Augen, die Minna auch besaß. Eigentlich fand Minna ihren Namen sogar ganz schön, aber das mit den Witzen darüber konnte manchmal wirklich doof sein. Superdoof sogar.

Was gab es denn noch, über das sie sich jetzt ärgern konnte, wenn sie schon mal dabei war? Ach ja, richtig: Und dann war da noch diese Geschichte mit den Haustieren, über die sich Minna ärgerte. Als sie einmal mit Mama einkaufen war, traf Mama eine Bekannte, die einen Hund an der Leine führte. Während sich die beiden Frauen unterhielten, hatte Minna mit dem Hund gespielt. Das war toll. Als sie sich verabschieden wollten, fragte die Frau, ob sie nicht vielleicht auch so einen Hund haben wollten, denn ihr Hund hätte vor ein paar Wochen Junge bekommen, die sie gerne in gute Hände weitergeben wolle. Minna war begeistert, aber dann erzählte Mama, dass man in dem Haus, in dem sie zur Miete wohnten, keine Haustiere halten dürfe. Keine Hunde, keine Katzen, nicht mal ein Kaninchen oder wenigstens eine Maus. Minna war darüber zuerst sehr unglücklich, aber mittlerweile ärgerte sie sich einfach nur noch darüber. So was Blödes.

Während Minna so dasaß und sich über alles Mögliche ärgerte, kam Mama ins Zimmer und bat Minna, im Nachbarblock unten im Supermarkt ein paar Dinge einzukaufen. Mama wollte nämlich zum Abendessen einen Gurkensalat machen, aber ihr fehlten noch die wichtigsten Zutaten.

«Einkaufen ist doch bestimmt etwas gegen deine Langeweile, Minna», meinte Mama augenzwinkernd.

Das glaubte Minna zwar nicht, aber weil sie nun wirklich gar nichts zu tun hatte und nicht einmal eine gute Ausrede fand, die sie normalerweise immer in solchen Fällen parat hatte, zog sich Minna ihren Regenmantel und die Gummistiefel an. Nachdem Mama ihr noch eine Tasche, etwas Geld und eine Einkaufsliste gab, marschierte sie los.


 
Beim Einkaufen

Als Minna aus dem Haus trat, klatschten ihr zur Begrüßung erst einmal ein paar dicke Regentropfen ins Gesicht. Zum Glück war es nicht kalt oder windig, es war eben nur ein starker Sommerregen. Eigentlich fand sie das ganz in Ordnung, denn sie ging jede Woche mit Papa schwimmen, und da war es klar, dass man Wasser ins Gesicht bekam. Es konnte sogar ganz lustig sein, wenn die Wassertropfen über die Wangen kitzelten.

Minna arbeitete sich auf dem Weg zum Supermarkt systematisch von Pfütze zu Pfütze vor. Schließlich trug sie Gummistiefel und einen Regenmantel. Es waren auch keine anderen Leute in der Nähe, die sie versehentlich hätte nass spritzen können. Während sie von Pfütze zu Pfütze hopste (mal auf einem Bein, mal auf beiden), blickte sie sich ständig suchend um, um auch wirklich immer die größte Pfütze zu erwischen. Dabei kam Minna von ihrem Weg ab und steuerte immer weiter auf ein anderes Nachbargebäude zu, das direkt neben dem Haus mit dem Supermarkt lag.

Erst als sie vor dem anderen Haus stand, bemerkte sie ihren Fehler und wollte gerade in die Richtung des Supermarktes schwenken, als sie einen kleinen Laden vor sich bemerkte, der ihr noch nie aufgefallen war. Neugierig blickte sie auf die Auslage vor dem Geschäft, denn seltsamerweise stand alles draußen im Regen, als ob der Ladenbesitzer nicht gemerkt hätte, dass es regnete. Sie sah sich die Auslage genauer an. Vor ihr standen viele Töpfe mit wunderschönen Grünpflanzen – ein paar hatten sogar Blüten – der Regen schien ihnen nichts auszumachen. Die Pflanzen dufteten fein. Minna strich vorsichtig über die nassen Blätter und stellte fest, dass sie nun noch feiner rochen. Hmmm, riecht das gut, dachte sie.

Während sie noch versunken vor den Pflanzen stand, kamen plötzlich zwei große Jungen an ihr vorbeigeeilt, die sich beim Laufen unterhielten. Als sie auf Minnas Höhe waren, konnte sie nur die Worte «… sonst macht der zu …» verstehen. Minna erschrak, denn sie wusste nicht, wann der Supermarkt schließen würde, deshalb rannte sie so schnell wie möglich, ohne auf die großen Pfützen zu achten, rüber zum Nachbargebäude.

Im Supermarkt herrschte ein reges Treiben, aber es sah nicht so aus, als ob gleich Ladenschluss wäre.

Dann müssen die sich wohl über was anderes unterhalten haben, dachte Minna.

Was soll’s, jetzt hatte sie genug Zeit, um die Dinge, die Mama auf die Liste geschrieben hatte, herauszusuchen. Minna kramte die zerknautschte Liste aus ihrer Hosentasche und begann zu lesen. Zum Glück hatte Mama extra ordentlich geschrieben, damit Minna das alles überhaupt entziffern konnte. Mama hatte nämlich eine schreckliche Handschrift, fand Minna. Ansonsten waren Einkaufslisten für sie als alte Leseratte ein Klacks, schließlich kam Minna nach den Ferien schon in die dritte Klasse.

Also, was stand denn da auf der Liste? Leise las sie sich die einzelnen Wörter vor: «Eine Gurke. Ein Bund Dill, frisch.»

Ein Bund Dill, frisch? Was meinte Mama denn damit? Woher sollte Minna wissen, wie frischer Dill aussieht? Nachdem sie eine große Gurke in Ihren Korb gelegt hatte, fragte sie einen Mann mit weißer Schürze, der an der Theke gerade das Gemüse ordnete, ob er ihr zeigen könne, wie ein Bund Dill frisch aussieht. Der Mann blickte neben die Salatköpfe, wo ein paar kleine Wassertöpfchen standen, in denen verschiedene Küchenkräuter gebündelt steckten. Dann sagte er: «Tut mir leid, frischer Dill ist ausverkauft, den bekommen wir erst morgen wieder rein.»

So ein Mist, dachte Minna. Mama wollte doch heute einen Gurkensalat machen und wenn sie Dill dazu brauchte, dann musste das wohl was ganz Wichtiges für den Salat sein. Minna überlegte. Dann setzte sie erst einmal ihren Einkauf fort, schließlich hatte sie ja zumindest schon einmal die Gurke für den Salat. Kein Dill im Gurkensalat war wahrscheinlich nicht so schlimm wie keine Gurke im Gurkensalat. Minna nahm einen Becher Sahne aus dem Kühlregal und ging noch einmal zurück zur Obsttheke, um eine frische Zitrone zu holen.

Am Ende der Liste stand noch eine Sache, die aus mehreren Wörtern bestand und länger als eine ganze Zeile war.

Oh, dachte Minna, Mama machte aber heute einen sehr komplizierten Gurkensalat!

Die einzelnen Wörter waren aber zum Glück alle recht kurz, einige waren ihr auch bekannt, so dass sie nicht lange brauchte, bis sie verstanden hatte, was Mama da geschrieben hatte: “Ein Eis für die liebe Minna“, stand da nämlich. Überglücklich lief Minna zur Eistruhe nahe der Kasse und nahm sich ihr Lieblingseis heraus. Es war ein Eis am Stil mit drei verschieden farbigen Sorten.

Dann ging Minna rüber zur Kasse, um zu zahlen. Hinter der Kasse saß Jasmin, eine Nachbarin aus Minnas Haus. Sie hatte letztens die Schule abgeschlossen und machte nun in dem Supermarkt eine Ausbildung.

Stolz auf ihre neue Stelle begrüßte sie Minna: «Na, Minna, auch einkaufen? Hast du alles gefunden? Zeig mal deine Liste, dann kann ich dir das vorlesen. Sonst fehlt womöglich noch was.»

Aber Minna erklärte Jasmin, dass sie schließlich kein kleines Kind mehr sei und selber lesen könne. Nur einen Bund Dill, frisch, hätte sie nicht gefunden, aber das hatte nicht daran gelegen, dass sie es nicht hätte lesen können, sondern frischer Dill war ausverkauft.

Jasmin musste lachen, denn sie hatte auch gemerkt, dass Minna kein kleines Kind mehr war. Jasmin mochte Minna sehr gerne. Auch wenn sich die beiden nicht sehr häufig sahen, war es immer nett, wenn sie sich einmal trafen.

Jasmin überlegte. «Kein Dill mehr da? Ja, das passiert hier manchmal. Küchenkräuter, die schon geschnitten sind, und in der Vase stehen, halten ja auch nicht sehr lange. Deshalb können wir nicht so viele davon auf Vorrat einkaufen. Aber geh doch mal rüber zu Blumes Blumen. Die Frau Krüger, der der Laden gehört, hat viele Küchenkräuter in Töpfen. Die sind ganz besonders frisch. Vielleicht hat sie ja noch Dill.»

«Blumes Blumen?», wunderte sich Minna.

«Ja, das ist der kleine Blumenladen im Nachbarhaus. Kennst du den etwa nicht? Du kannst der Frau Krüger ja mal ´nen schönen Gruß von mir ausrichten.»

«Natürlich kenne ich den», erwiderte Minna schnell, «ich bin gerade noch da gewesen» – was nicht gelogen war. «Aber wieso heißt der Laden Blumes Blumen?»

«Keine Ahnung, frag mich was Besseres.» Jasmin schüttelte den Kopf.


 
Blumes Blumen

Nachdem Minna bezahlt hatte und selig ihr Eis schleckte, schlenderte sie gemächlich in die Richtung des Blumenladens, schon zum zweiten Mal heute. Aber diesmal ging sie dort absichtlich hin. Sie musste sich etwas Zeit lassen, weil sie nicht mit dem Eis in den Laden gehen wollte, deshalb ging sie langsam von einer Pfütze zur anderen und beobachtete, wie die Regentropfen ihr Spiegelbild verzerrten. Dann blieb sie noch einmal kurz an einem Mülleimer stehen, um das Papier und den abgelutschten Stiel von ihrem Eis zu entsorgen und ging schließlich mit entschlossenen Schritten zum Blumenladen.

Die duftenden Pflanzen standen immer noch im Regen. Wahrscheinlich waren das hier die Küchenkräuter, die Jasmin gemeint hatte, denn sie rochen ja wirklich ganz besonders frisch. Minna strich noch einmal vorsichtig über die nassen Blätter und atmete den guten Duft ein, dann betrat sie den Laden.

Eine kleine Glocke, die über der Tür hing, läutete. Der Laden sah von innen heimelig aus. Minna hatte so etwas in dieser öden Wohnsiedlung gar nicht erwartet. Überall standen Töpfe, Eimer und Vasen mit vielen verschiedenen Blumen, Grünpflanzen und sogar Bäumen, die bestimmt über eineinhalb Meter hoch waren. In einer Ecke plätscherte leise ein kleiner Zimmerbrunnen, dessen Wassertropfen ganz anders klangen als die des Regens draußen.

Minna stand mitten im Raum, als eine Frau mit hochgesteckten grauen Haaren und einer grünen Schürze bekleidet aus einem Durchgang hinter der Theke hervortrat und Minna freundlich begrüßte. Sie hatte bemerkenswert blaue Augen.

Sie war älter als Mama, aber bestimmt jünger als Oma, dachte Minna.

«Guten Tag. Sind Sie die Frau Krüger?»

«Ja, die bin ich. Und wer bist Du?»

«Ich heiße Minna», antwortete das Mädchen und erwartete schon, dass die Frau jetzt anfangen würde zu lachen. Aber das tat sie nicht. Stattdessen sah sie Minna für etwa fünf Sekunden mit ihren blauen Augen an, dann sagte sie, «Oh, Minna. Ein schöner Name. Ich mag ihn sehr gerne.»

Minna war überrascht.

«Warum?», fragte sie verwundert.

«Ja findest du diesen Namen denn nicht schön? Er ist etwas ganz Besonderes. Vielleicht klingt er etwas altmodisch, aber das ist er nicht. Eigentlich klingt er nämlich eher – frisch.»

«Frisch?» fragte Minna erstaunt. So was hatte ihr noch niemand gesagt.

«Ja, frisch. Und du wirst staunen, wenn ich dir sage, dass ich hier im Laden eine Pflanze habe, die auch Minna heißt.»

«Eine was? Eine Pflanze?» Jetzt konnte es Minna gar nicht mehr fassen.

Frau Krüger ging quer durch den Raum und blieb vor einem Baum stehen, der etwa so groß war wie Minna. Er hatte feste grüne Blätter, die am Stielansatz rund waren, und am Ende spitz zuliefen. Sie erinnerten Minna an ihre bunten Clip-Haarspangen aus Metall, nur waren die Blätter hier etwas größer und an den Rändern leicht gewellt.

«Minna, das ist Minna. Und Minna, darf ich vorstellen, Minna», sagte Frau Krüger und stellte Mädchen und Baum einander vor.

Minna war sprachlos. Frau Krüger betrachtete die Szene mit einem Schmunzeln, dann klärte sie Minna auf: «Diese Pflanzenart hier heißt eigentlich Ficus benjamina. Das ist ihr botanischer Name, also auf lateinisch. Den verstehen alle Botaniker, also die Pflanzenexperten, egal, welche Sprache sie sprechen. Natürlich hat die Pflanze in jeder Sprache noch einen eigenen Namen, aber der botanische Name bringt sozusagen alle Sprachen wieder zusammen. Aber wenn ich mit der Pflanze hier spreche, dann sage ich natürlich nicht ‚Guten Morgen, liebe Birkenfeige’ oder ‚Wie geht es dir heute, Ficus benjamina’ zu ihr, das klingt doch komisch. Deshalb habe ich ‚benjamina’ abgekürzt und einfach Minna daraus gemacht. Schön, was?»

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